Autor Rupert Appeltshauser und Landtagskandidat Berthold Kellner (v.r.) „Augen zu und durch?“ – Rupert Appeltshauser bei SPD Kreisverband über achtjähriges Gymnasium
Rupert Appeltshauser hat das Buch nach der Pensionierung geschrieben: Als Ausdruck persönlicher Betroffenheit will der ehemalige Gymnasiallehrer und Fachbetreuer sein Werk „Augen zu und durch?“ verstanden wissen.
Im Café Lebensart zog Appeltshauser jetzt bei einer Veranstaltung des SPD-Kreisverbands über zwei Stunden mit seinen Ansichten zum achtjährigen Gymnasium seine Zuhörer in seinen Bann. „Hausherr“ und SPD-Landtagskandidat Berthold Kellner hieß viele interessierte und fachkundige Gäste willkommen, während sich SPD-Kreisvorsitzender Rainer Fischer über die spontane Zusage des vielbeachteten Autors freute.
Keine Rückkehr
Dem engagierten Lehrer, der selbst noch das „Doppelabitur“ 2011 „genossen“ hat, geht es nicht um die Rückkehr zum alten Gymnasium. Dies wird schnell deutlich. Vielmehr sollte die Oberstufe anders organisiert werden. Der Pädagoge erinnerte an den „Pisa-Schock“ 2001, der Entwicklungsschwierigkeiten und Leistungsdefizite deutlich machte. Statt Schülern Lehrern Zeit zur Aufarbeitung zu lassen, verkürzte Bayern 2003 die Schulzeit um ein Jahr. Schon vorher sei das Abitur in fünf Fächern beschlossene Sache gewesen.
„Wenn man die Abituranforderungen erhöhen will, kann man nicht gleichzeitig die Schulzeit verkürzen“, so der Autor. Der schon lange überfällige Methodenwandel in Unterricht und Prüfungsverfahren wie etwa andere Aufgabenformen, soziales Lernen brauchten Zeit, die jetzt fehle. Bei allem Verständnis, dass der Arbeitsmarkt höhere Übertrittsquoten verlange, dürfe dies nicht zum Preis der Leistungsminderung passieren.
30 Prozent Abbrecher
Appeltshauser bedauerte auch, dass beim Verlust der 13. Klasse ein großes Stück Orientierung für die Schüler verloren gehe und an den Hochschulen in Bayern jetzt schon eine Abbruchquote von 30 Prozent zu verzeichnen sei. Ebenso entstünden immer größere Verhaltensauffälligkeiten, für deren pädagogische Aufarbeitung immer mehr Zeit gebraucht werde. Als absehbare Folgen brachte der Autor die deutliche Mehrbelastung der Schüler ins Spiel. Leistungsminderung sei vorprogrammiert. Bildung könne dann nur noch als abrufbares und textkonformes Wissen gesehen werden, statt einer Persönlichkeitsbildung und Selbstdenken.
Sehr lebendig schilderte der Autor in diesem Zusammenhang die Grundlagen der Bildungstraditionen unseres Landes, die untrennbar mit dem Namen Wilhelm von Humboldt verbunden seien. Er, der die „Zweckfreiheit der Bildung“ im Vordergrund sah, hatte nicht nur Universitäten und Gymnasien reformiert, sondern auch der Volks- und Allgemeinbildung einen wichtigen Platz eingeräumt. Rupert Appeltshauser wies noch einmal eindringlich darauf hin, dass es nicht nur um die Fähigkeit gehen könne, vorgegebene Ziele zu erfüllen, sondern auch Ziele des eigenen Handelns und Tuns zu reflektieren. „Wer Bildung in diesem Sinne schätzt, ist nicht nur für die Naziszene verloren“.
Zwei Geschwindigkeiten
Bildung sei eine unabdingbare Grundlage des Funktionierens einer demokratischen Zivilgesellschaft in vielen Bereichen. In der Diskussion angesprochen auf die SPD-Vorstellung des „Gymnasiums der zwei Geschwindigkeiten“ hielt der Referent diese für ein durchaus überlegenswertes Modell.
Bildung braucht Zeit
Eltern können ihre Kinder kaum mehr in die Gesellschaft integrieren
„Betroffene“ machten bei der Autorenlesung ihre Überlegungen zum Thema deutlich: Emanuel Slany als Oberstufenschüler vermisste ausreichend Zeit, um sich mit demokratischen Strukturen befassen zu können. Diese seien Grundlage für das Leben. Politische Bildung und Sozialkunde kämen absolut zu kurz. Stadt- und Kreisrätin Monika Gerl monierte als Mutter eines Gymnasiasten, dass das Erlernen zweier Fremdsprachen in den Klassen 5 und 6 für die Schüler sehr anstrengend sei. Friedrich Wölfl – er ist selbst Gymnasiallehrer – bedauerte, dass man die Politiker, die 2003 das G8 mit Zweidrittelmehrheit eingeführt haben, nicht auf die „Kollateralschäden“ hinweisen könne.
Auch Eltern müssten mit Bedauern feststellen, dass Kinder kaum mehr in die Gesellschaft integriert werden können, so Wölfl. „Wo bleibt denn die Zeit für das Engagement im Sport, in der Kirche, für die musische Betätigung? Denn: Schließlich braucht Bildung Zeit“. SPD-Kreisvorsitzender Rainer Fischer machte in seinem Schlusswort deutlich: „Investitionen in Bildung und musische Erziehung sind sehr wichtig.“ Die beste Ausstattung und Sanierung der Schulen oder die Förderung der Kreismusikschule seien Investitionen in die Zukunft unserer Kinder. „Sie dienen schließlich ihrer menschlichen und schulischen Reife“, so Fischer abschließend.
Bericht Hannelore Bienlein-Holl, Bild Thomas Döhler